Grenzübergang Checkpoint Charlie, Sonntag, 13. September 1964, kurz nach 19 Uhr. Eine Limousine mit amerikanischem Kennzeichen hält an der Schranke, die Berlin in West und Ost teilt. Im Fond des Wagens sitzen ein dunkelhäutiger Mann und seine Frau. Die DDR-Grenzer erstarren: Es ist der US-Bürgerrechtler Martin Luther King – Ikone der Hoffnung für Millionen Afroamerikaner, “Mann des Jahres 1964″ von “Time Magazine”, angehender Friedensnobelpreisträger. Er werde in der Hauptstadt der DDR erwartet, sagt King; leider habe er keinen Ausweis bei sich. Den hätten ihm Mitarbeiter des State Department abgenommen, um seinen Ausflug in den Osten zu verhindern.
Mit schnellen Schritten verschwindet einer der Grenzer im Abfertigungsgebäude. Bis er zurückkehrt, vergeht eine gute halbe Stunde. Die Dame müsse leider aussteigen, lässt der Uniformierte die Wartenden wissen. Aber für den Herrn Pfarrer werde man eine Ausnahme machen. “Irgendwie” allerdings müsse sich der Amerikaner beim Grenzposten legitimieren. “Reicht Ihnen das?”, fragt King und zeigt seine American-Express-Karte vor. Der Grenzer nickt kurz. Dann öffnet sich die Schranke.
Der berühmteste Berlin-Besucher seit John F. Kennedy ist am Vortag auf dem Flughafen Tempelhof gelandet, empfangen von einem Riesenaufgebot von Reportern, Fernsehkameras und Mikrofonen. Kings jahrelanger Kampf gegen die Unterdrückung der Afroamerikaner in den USA hat ihn auch in Deutschland berühmt gemacht, und spätestens seit seiner historischen “I have a dream”-Rede vor einer Viertelmillion Menschen vor dem Kapitol in Washington ist er eine lebende Legende. Sein größter Erfolg liegt erst wenige Wochen zurück: die Aufhebung der Rassentrennung in den Vereinigten Staaten. Davon hat man auch hinter dem Eisernen Vorhang gehört: In den kommunistischen Medien wird der Reverend aus Atlanta, Georgia, als “geistiger Vater” einer “revolutionären Massenbewegung” gefeiert und vereinnahmt.
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