Pfarrer Gerhard Schmitt, damals 53, ist evangelischer Generalsuperintendent von Ost-Berlin und Kummer gewöhnt. Seit Jahren versucht das SED-Regime, die Kirche in Ostdeutschland zu schwächen. Die Jugendweihe etwa, mit der sich junge DDR-Bürger zum Sozialismus bekennen wie Christen bei der Konfirmation zu Gott, ist Schmitt ein Dorn im Auge. Gegen den klassenkämpferischen Geschichtsunterricht an ostdeutschen Schulen hat der Gottesmann offen protestiert – und wird nun auf Schritt und Tritt überwacht. “Schmitt gehört zu den aktivsten Gegnern aller progressiven Bestrebungen in den Kirchen der DDR”, heißt es in einer Stasi-Akte über den Patenonkel des damals noch gänzlich unbekannten Joachim Gauck. Schmitt beteilige sich “an der Ausarbeitung von Konzeptionen ganzer Kampagnen weltanschaulicher Art gegen die DDR”.
Was “Staatsfeind” Schmitt an jenem Spätsommerabend erlebt, wird er bis an sein Lebensende nicht vergessen – und es ihn in seiner Haltung gegenüber der SED-Obrigkeit bestärken. Vor der Marienkirche, um die sonst alle einen Bogen machen, drängen sich schon am späten Nachmittag Tausende von Menschen. Die geplante Abendveranstaltung ist dabei nirgendwo öffentlich bekanntgemacht worden, lediglich am Eingang des Gotteshauses kündigt eine Tafel mit Steckbuchstaben einen Ökumenischen Gottesdienst mit einem Gastprediger an: Reverend Martin Luther King Jr. Obwohl der Gottesdienst erst in einer Stunde beginnen soll, ist die Menge vor der Marienkirche bereits um sechs Uhr unüberschaubar. Niemals werden alle diese Menschen in die Kirche hineinpassen. Schmitt muss jetzt eingreifen.
Vor der Marienkirche ist die Menschenmenge unüberschaubar groß geworden, obwohl der Gottesdienst erst in einer Stunde beginnen soll. Gerhard Schmitt in seinem schwarzen Lutherrock mit dem silbernen Kreuz auf der Brust verschafft sich vor dem Hauptportal der Kirche Gehör. Er müsse das Gotteshaus wegen Überfüllung schließen, erklärt er den wartenden Menschen. Wegen des großen Andrangs werde Dr. King heute Abend aber noch einen weiteren Gottesdienst in der nahe gelegenen Sophienkirche abhalten, kündigt er an.
Schon drängen etliche Männer und Frauen in Richtung der Hackeschen Höfe. Da nähert sich die Limousine. In Sekundenschnelle ist der Wagen umringt. “Mit Mühe” gelingt es Schmitt, wie er in seinen unveröffentlichten Memoiren schreibt, den prominenten Gast und seinen Dolmetscher, den in Westberlin lebenden amerikanischen Pfarrer Ralph Zorn, durch die Menschenmassen in die Marienkirche zu schleusen. Ein Teilnehmer erinnert sich, dass es an jenem Abend in der Marienkirche so eng gewesen sei, dass man in dem riesigen Kirchenraum “kaum noch Luft” bekommen habe.
In seiner Begrüßung sagt Schmitt, dass es vor Gott keinen Wertunterschied zwischen Schwarz und Weiß gebe, und fügt hinzu: “Wir wissen um unsere Schuld als deutsches Volk. Aber wir haben auch einen besonderen Nerv dafür bekommen, im Völkergeschehen darauf zu achten, wenn irgendwo auf der Welt Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe oder auch ihres Glaubens um ihre Rechte und Menschenwürde kämpfen müssen.” Das sind klare Worte, die Schmitt einen weiteren Eintrag in seine Stasiakte sichern. Im Ministerium für Staatssicherheit hält man ihn schon lange für eine der “reaktionärsten Kräfte innerhalb der Landeskirche”.
Als Schmitt verstummt, richten sich alle Blicke auf den Amerikaner. Gebannte Stille in der imposanten, dreischiffigen gotischen Hallenkirche. King sagt: “My dear Christian friends in East Berlin.” Da setzt plötzlich der Kirchenchor ein und laut ertönt der Spiritual “Go down Moses”, in dem sich immer wieder der Satz “Let my people go” wiederholt: “Lass mein Volk fortziehen.” Dann wird es wieder ganz still. Er überbringe Grüße aus West-Berlin und aus Amerika, sagt King. Er sei zu kurz in Berlin und wisse zu wenig, um sich zu trauen, “das Wort Gottes für Eure Situation” zu sprechen. “Es ist wahrhaftig eine Ehre, in der Stadt zu sein, die Symbol der Teilung durch Menschen auf dieser Erde ist. Hier sind auf beiden Seiten der Mauer Gottes Kinder, und keine durch Menschenhand gemachte Grenze kann diese Tatsache auslöschen.”
Dann spricht er über das Leben der Afroamerikaner. Er berichtet von der Näherin Rosa Parks, vom “Montgomery Bus Boycott” und vom gewaltfreien Widerstand seines Vorbilds Gandhi. Es ist der gleiche Text, den er schon in der Waldbühne vorgetragen hat. Die Gemeinde lauscht in gebannter Stille. “Überall, wo Menschen die trennenden Mauern der Feindschaft abbrechen, da erfüllt Christus seine Verheißung”, sagt King und fügt hinzu: “In diesem Glauben können wir aus dem Berg der Verzweiflung einen Stein der Hoffnung hauen. In diesem Glauben werden wir miteinander arbeiten, miteinander beten, miteinander für die Freiheit auf stehen in der Gewissheit, dass wir eines Tages frei sein werden.”

In der Marienkirche: Links Generalsuperintendent Gerhard Schmitt, der zweite von rechts ist der amerikanische Pfarrer Ralph Zorn, der Martin Luther King begleitete und die Predigt in der Marienkirche dolmetschte. Allerdings sehr lückenhaft, so dass bei der zweiten Predigt ein deutscher Kirchenmann mit auf die Kanzel stieg.

Theologen im Gespräch: Der Gastgeber Generalsuperintendent Gerhard Schmitt (2.v.l.) im Gespräch mit seinen Gästen. Rechts der amerikanische Pfarrer Ralph Zorn, der für Martin Luther King dolmetschte.
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