Bildung an der Schnittstelle von analog und digital

Die Grenze zwischen Privat und Öffentlich muss neu gezogen werden

Gerade ist wieder einmal Facebook in der Kritik und der Grund ist die Erosion des Datenschutz. Angeregt wurde ich zu diesem Artikel durch das letzte Chaos Radio zum Thema Datenbrief. Die Idee des Datenbriefs (huch, der ist ja in der Wikipedia zu finden) fordert jedes Unternehmen mit aktiven Datenbeständen auf, einmal im Jahr den Dateninhabern Informationen zu den gespeicherten Daten zu senden. Fast alle Anrufer der Sendung waren gegen den Datenbrief. Es gäbe ja schon das allgemeine Auskunftsrecht, bestenfalls wurde einem Datenbrief mit Opt-In, also mit aktivem Kreuz machen an der richtigen Stelle zugestimmt. Es wurde sehr klar unterschieden zwischen den Daten, die der Staat sammelt und denen die Unternehmen sammeln. Die Begründung war, dass die Datensammlung staatsseitig alternativlos ist. Der Podcast ist hier noch einmal zu hören:

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Was ist nur los mit den Menschen? Die Offliner entschuldigen die Preisgabe privater Daten mit “Ich habe nichts zu verbergen”, die Onliner damit, dass sie von der Weitergabe der Daten ja auch selbst profitieren, in dem z.B. Dienste personalisiert werden. Dabei ist offensichtlich allen das Ausmaß ihrer Datenspenden bewußt, sie tun es also häufig reflektiert. Und wenn man sich die große einmal im Jahr stattfindende Demo “Freiheit statt Angst” anschaut, würde niemand behaupten können das Thema Datenschutz hätte keine Konjunktur.

Das Web 2.0 scheint uns komplett desensiblisiert zu haben. Fehlende Medienkompetenz ist häufig bei dem Verschleudern der persönlichen Daten nicht das Problem, sondern das Abwägen pos. und neg. Konsequenzen. Ein häufig von medienaffinen und medienkompetenten Kolleginnen vorgebrachtes Argument ist, dass nur das berufliche Profil im Internet sichtbar gemacht wird, persönliche Daten werden nicht preisgegeben und schon gar nichts privates oder die Familie betreffendes. Die möglichst umfassende Dokumentation professioneller Kompentenz ist dabei sehr erwünscht, ist es doch die Grundlage für die Vernetzung mit Gleichgesinnten.

Seid dem ich ein Handy mit dauerhaftem Internetzugang besitze, haben sich jedoch neue Nutzungsgewohnheiten breit gemacht. Die wirkliche Abschottung des Privaten vom Beruflichen ist kaum noch möglich, die beiden “Welten” vermischen sich zunehmend. Schuld sind dabei weniger bestimmte Dienste als vielmehr die Allgegenwart des Netzes. Twitter z.B. ist auch Teil meiner privaten Gewohnheiten geworden und falls es jemanden interessieren sollte, wäre es ein leichtes sich über meine Schlafgewohnheiten oder noch privatere Details zu informieren. Tweetstats zum Beispiel macht die Gewohnheiten einzelner Twitterer auf der Basis ihrer Nicknames öffentlich, stellt Tweetclouds zusammen, die über die inhaltliche Richtung der Tweets Auskunft gibt:

Tweetstats gibro

Tweetcloud gibroUnd während das heute-journal noch kräftig auf die privatwirtschaftlichen Spürnasen schimpft, werden aus der Ecke der “Internetbewohner” Stimmen lauter, die sich für die Freiheit auch persönlicher Daten aussprechen. @plomlompom schrieb dazu bei Carta einen nachdenklichen Artikel mit dem Titel “Die Ideologie Datenschutz”. Hier einige in diesem Zusammenhang wichtige Argumente:

Genauso wie “Geistiges Eigentum” ist ein “Eigentum” an persönlichen Daten nicht naturgegeben, sondern nur ein gesellschaftlich erwünschtes Gedankenkonstrukt. Es gehört denselben harten Fragen ausgesetzt wie “Geistiges Eigentum” an Musikstücken oder Patenten:

Sich intelligent verselbständigendes Sammeln und Auswerten von Daten ist Grundlage und Treibstoff dieser Dynamik: Die Bedingung einer alles informationell erfassenden Symbiose unserer Welt mit einem anwachsenden weltweiten Computernetzwerk, die immer mehr Menschen als bereichernd empfinden. Wer das Sammeln und Auswerten von Daten verteuern und bremsen möchte, verteuert und bremst gleichzeitig diesen Prozess.

Auch der im Blog Alltag Medienzukunft heute erschienene Artikel (+Kommentare) zu “Warum ich meinen Facebook Account nicht löschen werde” ist ein weiteres Beispiel für den durchaus reflektierten Umgang mit datensammelnden Diensten und der Preisgabe der eigenen Daten.

Fazit

Die Endgeräte wandeln sich, das Netz auch und unser Alltag ist zutiefst davon betroffen. Die Verschmelzung von Beruf und Privat, von Leben und Medium und der EINE Lifestream aus Bekannten, Freunden und Familie lässt die Grenze zwischen Privatheit und Öffentlichkeit ständig neu positionieren, nur ein Zurück gibt es nicht.

4 Kommentare

  1. 16. Mai 2010    

    Ich selbst schwanke auch immer wieder, wenn es um das Thema Daten geht. Mit Smartphones haben Daten und Privatheit eine neue Dimension erreicht. Dienste wie Gowalla, Foursquare, Google Latitude und nun auch Twitter und Facebook lassen uns zusätzliche Daten preisgeben. Ob wir das wollen oder nicht, die Entscheidung liegt (zumindest zum Teil noch) bei uns. Dienste, über die ich meine Einkäufe per Kreditkarte in soziale Netzwerke einspeise, treiben alles noch weiter.

    Warum schwanke ich immer wieder hin und her. Auf der einen Seite kann ich über meine Daten im Netz beeinflussen, welche Werbung ich erhalte. Ohne Werbung würde es viele Angebote im Netz nicht geben, denn umsonst ist nichts, auch nicht das Umsonst. Also möchte ich zumindest nicht mit für mich sinnloser Werbung zugeballert werden.
    Auf der anderen Seite ist da natürlich das große Fragezeichen: was sonst geschieht noch mit meinen Daten? Wohin wandern meine Daten, wer erhält Zugriff? Deutsche Firmen könnte man, wenn per Gesetz beschlossen, zu einem Datenbrief verpflichten, doch das Netz ist weiter.

    Wie du richtig sagst, legen wir Daten offen, teilen wir uns im Netz mit, um uns zu vernetzen. Das geht nur, wenn wir uns mit unseren Informationen positionieren.

    Viele Menschen haben bereits ausreichend Daten im Netz, so dass sie hochgradig profilierbar sind. Wie verschiedene Datenskandale (z.B. Aol Maidaten) wiederholt gezeigt haben, ist es selbst mit stark anonymisierten Daten häufig noch möglich, wenn sie in ausreichender Menge einem Individuum zuzuordnen sind, dieses zu lokalisieren und identifizieren.

    Alle diese Informationen, die wir im Netz haben, sind fast schon ewig, solange das Netz existiert und sie nicht irgendwann verfallen (data rot). Sollte sich unsere Gesellschaft jemals in eine totalitäre verwandeln, die Stasi der Zukunft hätten leichtes Spiel Andersdenkende auszuselektieren.

  2. 16. Mai 2010    

    Ich selbst schwanke auch immer wieder, wenn es um das Thema Daten geht. Mit Smartphones haben Daten und Privatheit eine neue Dimension erreicht. Dienste wie Gowalla, Foursquare, Google Latitude und nun auch Twitter und Facebook lassen uns zusätzliche Daten preisgeben. Ob wir das wollen oder nicht, die Entscheidung liegt (zumindest zum Teil noch) bei uns. Dienste, über die ich meine Einkäufe per Kreditkarte in soziale Netzwerke einspeise, treiben alles noch weiter.

    Warum schwanke ich immer wieder hin und her. Auf der einen Seite kann ich über meine Daten im Netz beeinflussen, welche Werbung ich erhalte. Ohne Werbung würde es viele Angebote im Netz nicht geben, denn umsonst ist nichts, auch nicht das Umsonst. Also möchte ich zumindest nicht mit für mich sinnloser Werbung zugeballert werden.
    Auf der anderen Seite ist da natürlich das große Fragezeichen: was sonst geschieht noch mit meinen Daten? Wohin wandern meine Daten, wer erhält Zugriff? Deutsche Firmen könnte man, wenn per Gesetz beschlossen, zu einem Datenbrief verpflichten, doch das Netz ist weiter.

    Wie du richtig sagst, legen wir Daten offen, teilen wir uns im Netz mit, um uns zu vernetzen. Das geht nur, wenn wir uns mit unseren Informationen positionieren.

    Viele Menschen haben bereits ausreichend Daten im Netz, so dass sie hochgradig profilierbar sind. Wie verschiedene Datenskandale (z.B. Aol Maidaten) wiederholt gezeigt haben, ist es selbst mit stark anonymisierten Daten häufig noch möglich, wenn sie in ausreichender Menge einem Individuum zuzuordnen sind, dieses zu lokalisieren und identifizieren.

    Alle diese Informationen, die wir im Netz haben, sind fast schon ewig, solange das Netz existiert und sie nicht irgendwann verfallen (data rot). Sollte sich unsere Gesellschaft jemals in eine totalitäre verwandeln, die Stasi der Zukunft hätten leichtes Spiel Andersdenkende auszuselektieren.

  3. admin admin
    25. Mai 2010    

    Dein Argument geht davon aus, dass wir niemals in der Lage sein werden unsere Meinung zu ändern. Nur dann könnten vergangene Daten für die Zukunft für uns nachteilig sein. In einem totalitären System wird man auch nicht für das angeklagt, was man früher einmal gemacht hat. Ganz davon abgesehen, dass totalitäre Systeme im Internet-Zeitalter nur noch schwer aufrecht zu erhalten sind, geschweige denn sich neu herausbilden können.

  4. admin admin
    25. Mai 2010    

    Dein Argument geht davon aus, dass wir niemals in der Lage sein werden unsere Meinung zu ändern. Nur dann könnten vergangene Daten für die Zukunft für uns nachteilig sein. In einem totalitären System wird man auch nicht für das angeklagt, was man früher einmal gemacht hat. Ganz davon abgesehen, dass totalitäre Systeme im Internet-Zeitalter nur noch schwer aufrecht zu erhalten sind, geschweige denn sich neu herausbilden können.

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Worum gehts hier?

@gibro schreibt über den (bisher) schmalen Pfad an dem sich die analoge und die digitale Welt treffen. Welche Möglichkeiten sich daraus für die Bildungspraxis ergeben ist Inhalt dieses Blogs.

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