Buchstaben bilden einen digitalen Symbolraum

Als erstes muss mal klargestellt werden, dass es einen Unterschied zwischen digital und binär gibt, oft genug werden diese beiden Begriffe miteinander vermischt. Digital ist eine Eigenschaft von Symbolen, die diskret, das heißt nur einen spezifisch definierten Zustand einnehmen können. Binär ist ein Symbolraum, der nur aus zwei Zuständen besteht, beispielsweise der 1 und der 0, mit denen ein Computer rechnet. Binär ist aber nicht das Alphabet, das kann allerdings digital sein, weil zwischen den Buchstaben a und b kein halbes a zu finden ist. Jeder Buchstabe nimmt also hier einen diskreten Zustand ein. Stephenson sagt, das der Buchstabe und damit auch das Wort unmissverständlich ist, das trifft allerdings nur auf die Befehlszeile bei Computersystemen zu, ansonsten können Worte, wie wir jedesmal in den Nachrichten feststellen dürfen auch mehrdeutig sein. Erst der Zusammenhang in dem ihre Aneinanderreihung stattfindet bildet einen Interpretationszugang.

Anders verhält es sich allerdings mit den Befehlen, die ein Computer ausführen soll, die sind, um mit dem Computer kommunizieren zu können immer eindeutig. ein „shutdown -h now“ wird immer den Computer zumindest unter UNIX herunterfahren. Auf der grafischen Oberfläche ist ein solcher Befehl weniger eindeutig, nicht nur, dass es immer mehrere Wege gibt um ein Programm zu starten oder zu stoppen, auch die Wege sind meist verschlängelt. Um z.B. den Computer herunterzufahren muss hier z.B. unter Windows das Startmenü geöffnet und anschließend der entsprechende Untermenüpunkt geöffnet werden, anschließend wird mir eine Auswahl an Aktionen vorgestellt unter anderem auch den Computer herunterzufahren. Kein Wunder, dass sich der Computeranfänger all diese Schritte aufschreibt, um sie durch Übung zu einer Routine werden zu lassen. Einfacher wäre sicherlich „shutdown -h now“ aber das streckt ab, weil man offensichtlich gewohnt ist mit dem Auge und nicht mit dem Kopf zu navigieren.

Stephenson sagt, graphische Oberflächen machen dumm. Nun, das ist ein wenig plakativ. Graphische Oberflächen konditionieren seine Nutzer auf ein bestimmtes Verhalten gegenüber dem Computer, das sich weniger auf ein Verstehen des Betriebssystems ausrichtet als vielmehr auf einer Interpretation der Arbeit des Computers von Seiten des Nutzers. So spricht man heute wie selbstverständlich vom öffnen eines Programms, man kann allerdings nur Fenster öffnen, Programme werden gestartet und gestoppt. Auch spricht man von Ordnern statt Verzeichnissen, Ordern orientieren sich dabei aus der aus dem Büro bekannten Metapher in dem Dokumente abgeheftet werden. Ein Verzeichnis dagegen bezeichnet ein Inhaltsverzeichnis, in dem ein Hinweis auf den Ort der Datei zu finden ist. Betriebssysteme kennen nur Verzeichnisse, Ordner sind eine Metapher um es dem Nutzer einfacher zu machen, weil es sich an seine Lebenswelt anlehnt.

Ehrlich gesagt, glaube ich, dass diese Metaphernverirrung dafür gesorgt hat, dass sovielen Computeranfängern die Nutzung einer Verzeichnisstruktur so schwer fällt. Denn die Metapher hinkt und gibt dem Nutzer vor, Ordner auf eine ganz bestimmte Weise zu nutzen. So machen Entwickler grafischer Oberflächen auch einen Unterschied zwischen Dokumenten und Dateien. Der UNIXer weiss, dass alles eine Datei ist, der Windowsnutzer unterscheidet und bricht sich damit ständig an seiner eigenen Ordnermetapher. Ein Dokument ist demnach ein „selbstgeschriebenes“ Worddokument, eine Datei ist eine von Programmierern geschriebene ausführbare Datei, die auch nicht unter den eigenen Dateien zu finden ist, sondern in irgendeinem Programmordner. Verwirrend, nicht wahr. Aber ein Computeranfänger braucht nicht nur klare und meist schrittweise Anleitungen, sondern auch klare Begrifflichkeiten und daran hapert es zumindest auf der Basis der graphischen Benutzeroberflächen (i.F. GUI).

Ich habe nichts gegen GUIs, man muss sich nur klar machen, dass sich nicht unbedingt zu einem besseren Verständnis der Arbeit eines Betriebssystems bzw. eines Computers dienen, sondern eher systemimmanent Fragen aufwerfen, die sich aus eine Bandbreite an Definitionen von Symbolen auf dem „Desktop“ ergeben. Aber offensichtlich haben GUIs für den ubiquitären Durchbruch des Computers gesorgt, klar ist allerdings, dass die Verwendung der Maschine dabei eine sehr unreflektierte bleibt, was schon am Schulungsangebot und an den Schulungsmethoden deutlich wird, bei denen PowerPoint gebimst wird, ohne auch nur ansatzweise zu fragen, was da eigentlich wirklich passiert, denn man hat ja auch nie gefragt, wie der Videorekorder funktioniert, man hat ihn benutzt, der hatte allerdings auch keine GUI.

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